Jom haScho’a – eindrucksvoll und motivierend

Am Abend des 4. Mai 2016 trafen sich in der Ev. Kirche zum Heilsbrunnen auf Einladung des Ganey-Tikva-Vereins interessierte Menschen, um sich mit der Partnerstadt Ganey Tikva und Israel am Jom haScho’a (dem israelischen Gedenktag an den Holocaust) zu solidarisieren.

 

Nach seiner Begrüßung zündet Pfarrer Achim Dehmel sechs Kerzen an, die symbolisch für die mehr als sechs Millionen Opfer des Holocaust stehen – so wie es auch bei der nationalen Gedenkfeier in Yad Vashem am gleichen Abend geschieht.

Zu Gast ist eine jüdische Dame, die in Köln wohnt: Rodica Jung wird 1930 in Rumänien geboren und erlebt dort die Diktaturen der Nationalsozialisten und der Kommunisten. Das Besondere: Ihre Tochter lebt heute in Ganey Tikva und Rodica Jung fliegt hin und wieder nach Israel, um ihre Familie zu besuchen.

 

Petra Hemming, Vereinsvorsitzende, interviewt Rodica Jung, die sehr offen und eindrucksvoll über ihre Erlebnisse und Erfahrungen erzählt: Bevor die Nationalsozialisten beginnen, Menschen zu manipulieren, erlebt die kleine Rodica bereits ein Leben in Armut und in der ständigen Sorge um das eigene Überleben. Dennoch schildert sie eine freundliche Nachbarschaft von armen Christen und armen Juden, die am Leben des anderen teilhaben. An den jeweiligen Festtagen schenken sie sich gegenseitig traditionelle Kuchen und Gerichte. Man kennt sich und respektiert sich.

 

Damit ist es dann aber ab 1938 vorbei, denn nationalsozialistisches Gedankengut, Angst und Schrecken machen sich breit. Rodicas Familie erlebt noch mehr Hunger, dazu Ausbeutung und Angst, verschleppt oder ermordet zu werden. Juden dürfen nur zu bestimmten Stunden auf die Straße, sodass die Arbeit für die Eltern oder der Schulbesuch für die Tochter kaum möglich sind. Die Mutter wird zu Zwangsarbeit im Ort verpflichtet, der Vater wird tatsächlich verschleppt. Lange ist die Familie im Ungewissen, was mit ihm geschehen ist. 1944 schließlich, die Waggons zum Abtransport der Juden stehen schon bereit, kommen die Russen und verhindern die Deportation. Auch wenn der Vater schwer krank und an Körper und Seele zerstört aus dem KZ heimkehrt, fühlt sich die junge Rodica als der glücklichste Mensch. Sie hat ihre Freiheit wiedergewonnen.

 

Wie schrecklich ist die spätere Erkenntnis, dass der Kommunismus mit den gleichen menschenverachtenden Instrumenten unterdrückt und knechtet. Rodica fühlt sich bei allem, was sie tut, kontrolliert, beobachtet, unfrei. Ständig muss sie sich rechtfertigen und sich zurücknehmen. Als Jüdin ist sie wieder die „andere“, die, die vielleicht Kontakte zum Westen hat. Mit ihrem Mann überlegt sie, nach Israel auszuwandern. Doch davon rät man ihr ab. In Israel gibt es zu wenig Arbeit für die hoch qualifizierten Ingenieure. 

1972 dann entscheidet sie sich, mit ihrem Mann nach Deutschland auszuwandern. Hier wird sie heimisch, auch wenn ihr Mann bei einem Autounfall verstirbt. Es gibt nette Menschen, aber hin und wieder auch Anfeindungen, dumme Kommentare, kleine Schikanen – auf der Arbeit und im privaten Umfeld. Dennoch kommt Rodica Jung zu dem Résumé: „In Deutschland habe ich die schönste Zeit meines Lebens erfahren. Ich bin glücklich in diesem demokratischen Land zu leben!“ 

 

Auf die Frage nach einer Botschaft für die jüngeren Generationen formuliert Rodica Jung gleich vier Apelle. Zuerst: „Seid froh, in der Demokratie zu leben, pflegt und erhaltet diese Werte, setzt euch dafür ein. Es gibt nichts schlimmeres, als in einer Diktatur zu leben!“ Zweitens rät sie zur Zivilcourage: „Viele Menschen verstellen sich aus Angst, zeigen nicht, wie sie denken. Tut das nicht, zeigt Courage!“ Als Drittes wünscht Rodica Jung sich, dass alle Religionen das Verbindende entdecken und nicht das Trennende in den Mittelpunkt stellen. Mit ihrem zweiten christlichen Mann war sie sich einig, es gibt nicht deinen“ und „meinen“ Gott, es gibt unseren Gott! Und der vierte Apell lautet: “Null Toleranz gegenüber Menschen, die unser Grundgesetz nicht achten und respektieren!“

 

Der bewegende Abend wurde musikalisch begleitet von den Zwillingsschwestern Eliza und Marcia von Gehlen (Geige und Flügel) unter Leitung von Jutta Herbold. Die perfekt aufeinander eingespielten Musikerinnen setzten mit ihrer Musik feinfühlige Akzente: Auf das von John Williams komponierte Titelthema aus dem Film „Schindlers Liste“ folgten „Air“ von Johann Sebastian Bach und die Thaïs-Meditation von Jules Massenet.

 

Ein runder Abend, der nachdenklich stimmte, aber auch sehr viel Mut machte, Gesellschaft gemeinsam, verantwortungsvoll und an den Werten der Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit orientiert zu gestalten.

 

 

 

 

Verein zur Förderung
der Städtepartnerschaft Ganey Tikva - Bergisch Gladbach e.V.

Entire life in a package · Kunstausstellung mit Orna Ben-Ami
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